Ich möchte in diesem Artikel drei kleine Geschichten erzählen, die erst beim genaueren Hinsehen etwas miteinander zu tun haben. Doch beginnen wir von vorne.
Am letzten Tag entschieden wir uns, noch etwas durch die Strassen von Dublin zu schlendern und unseren materiellen Fetisch zu stillen – ausserdem wollte jeder von uns etwas haben, um der Familie zuhause eine kleine Freude bereiten zu können. Für den Eigengebrauch und einsame Stunden wollte auch jeder von uns noch eine Flasche harten Alkohols, z.B. in der Form von irischem Whiskey mitnehmen. Wir begaben uns also in der Nähe der O’Connel Street in den Supermarkt namens “Dunnes Stores”. Dort suchten wir uns alle etwas aus und gingen zur Kasse, um zu bezahlen. Wir ahnten nichts Böses, da wir bis zu diesem Zeitpunkt auch kein Problem damit gehabt hatten, in diesem Laden Alkohol zu kaufen, alt genug waren wir alle schon seit langem.
Doch ich staunte nicht schlecht, als die Dame an der Kasse die Schweizer-ID nicht akzeptieren wollte. Den Führerschein wollte sie auch nicht annehmen. Natürlich waren wir unsererseits etwas genervt, da es sich hierbei um amtliche Ausweise handelt, die in der ganzen EU gültig sind. Aber es war nichts zu machen – Und mein Kollege musste seinen Schweizerpass vorweisen. Ich hatte meinen im Hotelzimmer im Safe gelassen. Also zeigte ich der Dame alles, was ich an Ausweisen auf mir trug und erklärte ihr, dass ich schon 21 Jahre alt sei. Natürlich bekam ich das Gesöff nicht und wurde gleich ordentlich unfreundlich behandelt. Ich fragte dann “Are you serious?” und sie antwortete “Do I look serious?”. Den Rest der Konversation kann ich so zusammenfassen: Ich fragte sie, was wir denn nun machen würden und sie riet mir an, abzuhauen, weil sie sont die Security rufen würde. Ich wäre also beinahe angeschrien worden, obwohl ich selbst zu jedem Zeitpunkt meinen Anstand gewahrt hatte. Entnervt liess ich die Flaschen dort und verliess den Laden.
In dem Moment, als wir aus dem Kaufhaus auf die Strasse gelangten, sprach mich die Dame an, die an der Kasse hinter mir gestanden hatte. “I thought the lady was very rude, you didn’t do anything wrong, but I know where you can get your Whiskey, there’s another Dunnes Stores right after the Spire”, sagte sie zu mir, worauf ich mich bei ihr bedankte. Das beruhigte mich natürlich ein wenig, denn ich hatte mich wie ein Idiot gefühlt, während alle Personen, die Schlange standen, mitbekamen, wie ich, der dumme Ausländer, der sich die Birne vollsaufen möchte, verbal auseinandergenommen wurde. Welch’ Wohltat waren da diese Worte der netten Dame, die uns sogar weiterhelfen konnte.
Die zweite Geschichte spielt sich in einem Bus ab. Wir hatten gerade die Guinness-Fabrik etwas ausserhalb des Stadtzentrums besucht und fuhren mit dem öffentlichen Verkehr wieder in Richtung O’Connel Street. Während wir so durch die Strassen fuhren und ich aus den Fenstern sah, fiel mir auf, dass es in Dublin so gut wie keine Industrie gibt. Keine Fabriken, keine High-Tech-Firmen, einfach Nichts. Der einzige Grossbetrieb, der mir auffiel, war Guinness. Selten sieht man Banken oder Versicherungen, weshalb es mich jetzt nicht mehr verwundert, dass man auf der Suche nach einem Bankomaten weit gehen muss. Dafür findet man überall kleine Parks, Museen, Kirchen, Plätze, usw. Ausserdem gibt es eine Menge Restauants und irische Geschenkshops.
Ich erkannte, was in Dublin wirklich los ist: Die Wirtschaft dieser Region hat sich vollständig auf den Tourismus ausgerichtet. Jede Wirtschaft spezialisiert sich auf irgendwas, weil dies lukrativer ist und zur Entwicklung dazugehört. Was die Ausrichtung auf Tourismus bedeutet, werden wir später noch sehen.
Die dritte Geschichte betrifft ein Gefühl, das ich während der Reise in Dublin immer wieder verspürte. Das war so beim Besuch im Guinness-Museum, in der Temple Bar, in den Touristenbüros, in Geschenkshops und auch noch an anderen Orten. Ich hatte das Gefühl, dass diese Dinge einfach nur purer Kommerz sind; Massenabfertigung, um möglichst schnell möglichst vielen Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen. In der Temple Bar hatte es viel zu viele Besucher, bei Guinness war der Eintrittspreis exorbitant hoch, in den Geschenkshops wurde die Hintergrund-Musik von einer Stimme unterbrochen, mit dem Hinweis, diese irischen Klassiker könne man auch kaufen, usw.
Kommen wir nun zur Zusammenführung dieser drei Geschichten. Eine Region, die so stark auf den Tourismus setzt, muss sich bewusst sein, dass sie vom Ausland abhängig ist. Das betrifft vor allem die Wirtschaftslage der Länder, aus welchen die Touristen kommen – so gesehen ist also der Tourismus ein Exportgut. Unabhängig von der Wirtschaftslage sind aber die Erfahrungen, welche die Reisenden dann in einer Region wie Dublin machen. Werden sie unfreundlich behandelt, dann kommen sie vielleicht nicht wieder. Ist man nicht zuvorkommend, werden sie weniger ausgeben. Und Trinkgeld gibt’s dann auch keines.
An dieser Stelle möchte ich eines klarmachen: In Dublin kann man es sich, vom Angestellten im Tourismus-Büro über die Serviertochter im Restaurant und sogar die Dame an der Kasse des Supermarkts, nicht leisten, die Touristen, die halt nun einmal Ausländer sind, abschätzig zu behandeln. Zur Verteidigung der Menschen in diesem Land muss ich anfügen: Die meisten Iren sind sehr korrekt und anständig. Doch fehlte mir irgendwie das Gefühl, das ich habe, wenn ich in Spanien Urlaub mache: Dass man die Gäste bei sich von Herzen (!) willkommen heisst und sie gerne bedient. Es sollte für ein solch touristischer Ort nicht wie ein “Muss” wirken, sondern wie ein “Dürfen”. Und ich frage mich eben, ob gerade hier das Problem liegt. Hat sich Irland wirklich auf den Tourismus ausgerichtet, oder blieb nichts anderes übrig? Wenn man hunderte von Menschen in eine Temple-Bar stopft, um möglichst viel Knete zu machen, dann fühlt es sich eher so an, als ob die Iren keine andere Wahl hatten.
Wie dem auch sei – Ich habe einiges gelernt in Irland. Die Reise war schön, die meisten Erfahrungen positiv. Es war auch gut, dass wir uns schlussendlich halt selbst auf die Suche machten nach Dingen, die es zu entdecken gibt. Fernab von Kommerz, Menschen, die sich verstellen und Ebbe im Geldbeutel. In einem Land, welches ich rein optisch als eines der schönsten ansehe, das ich bis jetzt besucht habe.

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